
Warum popeln Kühe mit der Zunge in der Nase?
Vom Klassenzimmer auf den Hof mit dem Bauernverband Nordostniedersachsen e.V.
Es ist windig und regnerisch an diesem Juni-Morgen im Sommer 2025. Ramona Junge-Blecken hat trotzdem gute Laune. Sie steht auf dem Vorplatz ihres großen, im Jahr 2023 eingeweihten neuen Milchviehstalles in Echem, im Landkreis Lüneburg. Ein Bus mit der Klasse 5d der Lüneburger Schule am Wasserturm rollt langsam auf den Hof. Die Kinder steigen nacheinander aus und versammeln sich vor Ramona Junge-Blecken im Kreis.
„Wir haben heute einen richtig kalten Tag erwischt“, lacht die junge Landwirtin, „es ist sehr windig heute.“ Ihr Strahlen ist ansteckend und steigert die Freude der Kinder auf das, was sie dort erwartet. Zunächst erklärt sie die drei Hofregeln. „Erstens, wenn große Maschinen oder Roboter fahren, zur Seite gehen. Zweitens, wir bleiben immer zusammen, keiner rennt allein über den Hof. Und die dritte Regel: nicht auf dem Futtertisch laufen und die Tiere erschrecken.“ Die Kinder melden sich und wiederholen alles. „Super, das habt ihr sehr gut gemacht!“, lobt sie.
Anschließend laufen die Kinder durch eine Desinfektionsmatte, um ihre Schuhe zu desinfizieren. In diesen Tagen sorgt die Blauzungenkrankheit für Unsicherheit auf vielen Kuhbetrieben. Der seifige Schaum und der ungewohnte Vorgang sorgt für einiges Gekicher unter den Kindern. Danach heißt es: Schutzanzüge und Schuhüberzieher anziehen. Die Kinder und Lehrkräfte verwandeln sich optisch in eine große Gruppe „Spurensicherung“, Assoziationen mit dem Tatort inklusive.
Nach dem Händewaschen betreten sie den großen, hellen, lichtdurchfluteten Stall und stehen direkt vor einer Gruppe mit Bullen, die im Stroh liegend entspannt kauen. Die Kinder treten an das Fress-Fang-Gitter und versuchen, die Tiere zu streicheln. Eine Kuh erhebt sich, streckt ihren Kopf durch das Gitter und versucht, die sich ihr entgegenstreckenden Hände abzulecken.
„Die Zunge einer Kuh ist so lang wie meine Hand und mein Unterarm“, sagt die Landwirtin. Ein beeindruckendes Bild. Kühe können nicht beißen, erklärt sie – es sei denn, man schiebt die Hand ganz weit ins Maul. Wer will das schon?!
Im Hintergrund sieht man eine Kuh, die sich genüsslich an einer Kuhbürste reibt. Die Kinder kichern. „Wer weiß, wie schwer eine Kuh ist?“, fragt Ramona. 700 Kilo lautet die richtige Antwort. Die naheliegende nächste Frage ist: Kann man mit einer Kuh kuscheln? Das könne man bei einigen, versichert Ramona Junge-Blecken. „Auf einzelne Tiere kann man sich sogar drauflegen.“ Und reiten? Raufsetzen ja, reiten kann man eine Kuh leider nicht. Nun, die Enttäuschung hält sich in Grenzen.
Das Thema mit der Zunge ist noch nicht beendet. „Warum popeln Kühe mit der Zunge in der Nase?“, fragt ein Kind. Weil es möglich ist. Keine Frage bleibt an diesem Tag unbeantwortet.
Nach der ersten Fragerunde tragen die Kinder Strohbunde zu einem Kreis zusammen und versammeln sich in einer Ecke des Stalls. Ramona Junge-Blecken begrüßt die Kinder noch einmal und fragt, wer schon etwas über Kühe weiß und welche Erfahrungen die Kinder mit Landwirtschaft haben. Anschließend werden sie in zwei Gruppen geteilt. Die eine Gruppe setzt zunächst die Exkursion bei den Tieren fort, die andere Gruppe geht mit der Kollegin in die Stallküche. Später werden sie tauschen.
Im großen Kuhstall der Lünehöfe KG wohnen 220 Milchkühe. Sie werden von zwei Futterrobotern versorgt – ein Highlight bei jedem Schulbesuch. Die sich vollautomatisch selbst beladenden Futterroboter fahren langsam auf einem festen Schienensystem und legen die Mischung aus Grassilage, Maissilage, Stroh, Kraftfutter und Mineralfutter frisch vor den Kühen ab. „Ricarda“ und „Robert“ wurden sie getauft – eine Tatsache, die bei den Kindern für Ermunterung und Sympathie sorgt.
Warum die Kühe wohl auch Stroh bekommen, fragt sie. Nach einigen Raterunden kommt die Antwort: Weil es gut für den Pansen ist. Der größte aller Kuhmägen braucht die pieksige Stimulation, um optimal arbeiten zu können.
Gemolken werden die Kühe ebenfalls „automatisch“. Vor einem der vier Melkroboter hat sich eine Schlange von Interessentinnen gebildet. Warum die Kühe dort wohl warten? „Nun“, erklärt Ramona, „zum einen, weil sie Druck im prall gefüllten Euter haben und gemolken werden möchten. Zum anderen wissen die Tiere, dass sie eine Belohnung in Form von Kraftfutter erwartet. Das ist wie für Euch Schokolade“, vergleicht Ramona. Wer kann dazu schon nein sagen?
Der Melkroboter setzt die Melkbecher mit einem automatischen Arm vorsichtig an jede der vier Zitzen und melkt. Vor und während des Melkvorgangs werden jede Menge Daten über die Gesundheit des Euters, die Qualität der Milch und damit über das Wohlbefinden der Kühe insgesamt gesammelt, führt Ramona aus – viel mehr, als es jeder menschliche Melker erfassen könnte. Das ist nicht nur für die Tiere besser, sondern auch für die Mitarbeitenden eine große zeitliche Arbeitsentlastung. Bei so viel Technik bleibt mehr Zeit für die Tierbeobachtung, erklärt die junge Landwirtin. Einleuchtend.
Es regnet zu doll, um lange draußen zu bleiben, deshalb geht es direkt zu den Kälbern. Begeisterung bricht unter den weiß gekleideten Kindern aus. Als sie den warmen, trockenen Kälberstall betreten, wo die Kleinsten wohnen, strahlt endgültig jedes Kinderauge. Erst stürmisch, dann ganz vorsichtig treten sie ein und bewundern die kleinen Tiere mit den rehähnlichen Augen. Das Kindchenschema verfehlt seine Wirkung nicht.
Die Fünftklässler wollen die Kälber berühren und sind vollkommen sensibilisiert für alles, was mit den erst wenige Tage alten Tieren zu tun hat. Ein naheliegendes Thema ist, warum sie hier sind und was sie trinken. Ramona Junge blickt zurück: „Wir haben es früher probiert, die Kälber bei den Müttern zu lassen.“ Eines der Probleme, das sich daraus ergab war, dass manche Kühe mit dem eigenen Nachwuchs nicht zurechtkamen. Daraufhin habe man diese zu Kühen gebracht, „die es gut finden, Kälber zu haben“.
„Kennt ihr den Begriff Ammen?“, fragt Ramona. Die Kinder nicken. "Am Ende hatten wir Kühe, die bis zu zehn Kälber hatten, mit denen sie gekuschelt haben. Es war einfach schön., fügt sie hinzu. Es habe aber auch Kälber gegeben, die gar nicht am Euter einer Kuh trinken konnten. „Wer von Euch hat als Kind die Flasche bekommen?“, fragt sie in die Runde. Ein Kind meldet sich: „Ich konnte nicht trinken.“
„Genau“, antwortet Ramona, „das gibt es bei den Kälbern auch. Es gibt Kälber, die wollen es nicht und Kälber, die können es nicht.“ Diese habe man dann gleich mit der Flasche großgezogen. Alle anderen durften, bis sie etwa zwölf Wochen alt waren, bei den Müttern oder Ammen bleiben. Dann seien sie etwa so alt, als würdet die Kinder ihr Abitur machen, vergleicht sie.
„Und was macht ihr danach?, fährt sie fort, "Ihr zieht von zu Hause aus und geht raus in die Welt. Und wie finden eure Eltern das?“ Ein Mädchen sagt: "Sie sind glücklich.“ Gelächter bricht aus. Das könne sein, räumt Ramona ein, aber andere seien ganz traurig darüber, dass ihr weg seid. Und genau so sei es bei Kühen und Kälbern auch gewesen. Sie fanden es richtig blöd, dass sie getrennt wurden. Kuh und Kalb hätten gebrüllt: "Sie haben einfach eine Trauerphase durchgemacht."
Daraufhin habe man entschieden, es wieder so zu machen wie früher. Die Kälber bleiben zwei bis drei Tage allein in einer Box, bis sie fit sind. Dann kommen die Trennwände weg, die Kälber gehen in die „Krippe“, dann in den „Kindergarten“ usw. „Und, gibt es nun Gebrüll hier?“, fragt Ramona. Die einhellige Antwort: „Nein, es ist ruhig.“
In der Küche beschäftigt man sich unterdessen mit den Produkten, die man aus Milch herstellen kann. Alle Schülerinnen und Schüler haben ein eigenes, sauberes Marmeladenglas dabei. Darin wird eine kleine Menge Sahne gefüllt. Wer mag, fügt noch ein paar Kräuter hinzu, die die Kinder draußen aus dem Kräutertrog gepflückt haben. Nun heißt es: Muskelkraft nutzen. Etwa zehn Kinder stehen in der Küche und schütteln die kleinen Gläser, was der Kinderarm hergibt. Das Ziel: Butter herstellen. Der eine oder die andere fängt nach kurzer Zeit an zu klagen: „Ich kann nicht mehr.“ Aber niemand gibt auf. Am Ende hat sich der Inhalt eines jeden Glases in prima streichfähige Butter verwandelt. Zufriedenheit macht sich breit. Ein paar Kinder kümmern sich derweil darum, dass die Butter nicht „nackt“ verzehrt werden muss. Sie backen nach einem einfachen Haus- bzw. Hofrezept gerade frische Brötchen. Mit großer Motivation gehen sie ans Werk. Die Lautstärke der aufgeregten Kinder in der Hofküche steht der einer Weihnachtsbäckerei in nichts nach.
Eine knappe Stunde und viele Knet- und Formrunden später ist es geschafft: Die warmen Brötchen sind fertig gebacken und können aus dem Ofen geholt werden. Anschließend heißt es für die Gruppe „Küche“, eine Stunde raus in den Stall.
Schließlich ist es fast Mittagszeit. Die beiden Gruppen haben jeweils das ganze Programm absolviert und treffen sich in der Küche. Gegessen wird gemeinsam. Die Kinder lassen sich ihr Selbstgebackenes und Geschütteltes schmecken. Später in der Abschlussrunde erwartet sie noch ein weiteres Highlight: Zwei kleine rote Kätzchen stürmen den Raum und mischen sich unter der Kinder. Die Namen: Bibi und Tina. Könnte ein Schultag noch zauberhafter sein?

Landwirtschaft erleben, statt nur darüber reden
Woher kommt eigentlich unser Essen? Und wie sieht Landwirtschaft heute wirklich aus? Genau das zeigt das Projekt „Landwirtschaft entdecken und erleben“ (LEUE). Schülerinnen und Schüler der Klassen fünf bis dreizehn aus den Landkreisen Uelzen, Lüchow-Dannenberg und Lüneburg bekommen dabei die Chance, moderne Landwirtschaft direkt vor Ort kennenzulernen.
Statt trockener Theorie geht es raus auf den Hof: Die Besuche werden passend zum Unterricht und zur jeweiligen Jahrgangsstufe gestaltet. Organisiert wird das Projekt vom Bauernverband Nordostniedersachsen (BVNON), der „LEUE“ 2011 gemeinsam mit Partnern ins Leben gerufen hat und bis heute mit Unterstützung regionaler Unternehmen umsetzt.
Ein besonderes Highlight ist der direkte Kontakt zu den Tieren und der Austausch mit den Landwirten. Die Kinder und Jugendlichen erfahren aus erster Hand, wie zeitgemäße Tierhaltung funktioniert und wie Betriebe an Ideen für mehr Tierwohl und nachhaltigen Ackerbau arbeiten. Fragen stellen ist ausdrücklich erwünscht.
Der BVNON begleitet die Schulen von Anfang an mit Unterrichtsmaterialien, Hofbesuchen und einer fachlichen Vor- und Nachbereitung. Die Kosten für das Projekt werden übernommen. Je nach Unterrichtsschwerpunkt besuchen die Klassen unterschiedliche Betriebe, etwa aus der Milchvieh-, Schweine- oder Geflügelhaltung aber natürlich auch mit dem Schwerpunkt Ackerbau. So wird Landwirtschaft greifbar – ehrlich, spannend und nah an der Realität.
Hier geht es zum Projekt: https://www.bvnon.de/seite/473381/landwirtschaft-entdecken-und-erleben.html





