„Agrarhandel ist heißer scheiß“ - Kreisversammlung Lüchow des BVNON in Dünsche; neue Doppelspitze
Am 03. März fand die Kreisversammlung Lüchow des Bauernverbands Nordostniedersachsen (BVNON) in Dünsche statt. Der Lüchower Vorsitzende, Robert Rippke, begrüßte anwesenden Mitglieder und Gäste, zu denen u.a. Landrätin Dagmar Schulz, die neue Kreisveterinärin Frau Dr. Schulze sowie Kreislandwirt Adolf Tebel zählten.
Bericht des Vorsitzenden: Marktlage und Landespolitik
Robert Rippke ging in seinem Bericht des Vorsitzenden zunächst auf die aktuelle Situation ein. Die Marktlage sei seit längerer Zeit angespannt. Das Preisniveau für Kartoffeln, Zucker, Getreide und weitere Produkte sei gesunken. Viele Marktmechanismen ließen sich nicht beeinflussen. Der BVNON setze sich daher weiterhin für die Anliegen der Betriebe ein. Beim Thema Vogelschutz betonte er, dass dieser nicht zu einem Stillstand der Landwirtschaft führen dürfe. Auch gebe es auf Landesebene Regelungen, die entbehrlich seien, etwa die flächenspezifische ENNI-Meldung, diese könnte auch Betriebsbezogen mit weniger Aufwand erhoben werden. Insgesamt gebe es zahlreiche Punkte, die kurzfristig geändert werden könnten und einen direkten Nutzen für die Betriebe hätten.
Grußwort der Landrätin
Landrätin Dagmar Schulz dankte dem BVNON für die Arbeit und hob hervor, dass die Interessenvertretung sowohl nach außen als auch nach innen gut funktioniere: „Das machen Sie sehr gut“, sagte sie. Der Entwurf des niedersächsischen Agrarstrukturgesetzes widerspreche dem Ziel des Bürokratieabbaus, da er neue bürokratische Anforderungen schaffe.
„Die Landwirtschaft bleibt ein Grundpfeiler der Region“, so Schulz weiter, auch für Tourismus, Klima- und Naturschutz. Sie sei Teil des gesellschaftlichen Lebens und der kulturellen Identität. Angesichts von Strukturwandel, Klimawandel und zunehmenden Umweltauflagen sei ein Diskurs auf Augenhöhe wichtig. In Hinblick auf das Thema Beregnung verwies sie auch auf ein Gutachten zum Thema Einflussnahme der Elbe für den Grundwasserkörper.
Robert Rippke stellte die Frage nach dem tatsächlichen Nutzen des Agrarstrukturgesetzes und äußerte den Wunsch, schneller zu tragfähigen Lösungen zu kommen.
Düngeverordnung und Naturschutz
BVNON-Geschäftsführer Johannes Heuer ging auf weitere Fachthemen ein, u.a. auf die Düngeverordnung. Die seit 2020 umgesetzten Maßnahmen hätten Wirkung gezeigt, „die Betriebe haben ihre Hausaufgaben gemacht“, stellte Heuer fest. Hintergrund des Urteils vom Oktober sei vor allem ein juristischer Fehler, da es bislang keine gesetzliche Regelung, sondern lediglich eine Verwaltungsvorschrift gegeben habe. Von Seiten der Bundesregierung werde nun eine neue Gesetzgebung benötigt, so Johannes Heuer weiter, er gehe davon aus, „dass wir bis 2027 eine neue Regelung haben werden“. Der BVNON fordere weiterhin praktikable Lösungen statt einer pauschalen Reduzierung der Düngung um 20 Prozent in roten Gebieten.
Zum Vogelschutzgebiet „Die Lucie“ betonte Johannes Heuer, dass Ackerland nicht stillgelegt werden dürfe; diese Forderung sei inzwischen vom Tisch. Die Feldrandpflege werde überprüft, was als akzeptabel bewertet werde. Der BVNON wird für betroffene Landwirte eine Informationsveranstaltung durchführen, kündigte der Geschäftsführer an. Beim Rückgang des Ortolans wurde die Frage aufgeworfen, ob trotz umfangreicher Agrarumweltmaßnahmen tatsächlich die Landwirtschaft ursächlich sei.
Ein weiteres Thema war die Ausbreitung der Schilf-Glasflügelzikade, die wirtschaftlich bedeutende Kulturen betreffe. Hier bestehe weiterer Forschungsbedarf, gegebenenfalls auch im Hinblick auf Beizmittel. Das Thema sei vom BVNON unter anderem auf der Grünen Woche intensiv diskutiert worden und werde zunehmend auch die Kommunen beschäftigen.
Mit Blick auf das Thema Feldberegnung konnte der BVNON-Geschäftsführer eine Lösung bei der Frage der Wasserzähler verkünden. Ein Wasserzähler an jedem Saugbrunnen sei nicht akzeptabel, so Heuer, eine Wasseruhr an jedem Entnahmeaggregat sei jedoch vorstellbar. Genehmigungs- und Gutachtenverfahren müssten grundsätzlich beschleunigt werden. Abschließend betont er, dass die Region keine Dürreregion sei.
Vorstandswahlen
Die Vorstandswahlen leitete Monika Hintze. Sie berichtete zunächst, dass Vorstandsmitglied Christian Schulz vorzeitig ausgeschieden sei, sich aber ein potentieller Nachfolger gefunden habe. Als Nachfolger wurde Dietmar Goebel vorgeschlagen, der derzeit u.a. Vorsitzender des Beregnungsverbandes ist, wie er in seiner Vorstellung sagte. Der junge Landwirt betonte, dass ihm landwirtschaftliche Themen besonders am Herzen lägen. Er wurde einstimmig gewählt. Gleichzeitig wurde auch darüber abgestimmt, dass Goebel künftig gemeinsam mit Robert Rippke, ähnlich wie im Landkreis Lüneburg, eine Doppelspitze bildet. Damit ist die Lücke im Vorstand, die im vergangenen Jahr durch das Ausscheiden des langjährigen Vorsitzenden Adolf Tebel entstanden war, nun geschlossen worden.
Gastvortrag: Agrarhandel und internationale Märkte
Anschließend bekam der Gast des Abends, durch seine prägnante Aussage „Die Lage auf den Agrarmärkten ist zurzeit „heißer Scheiß“, die volle Aufmerksamkeit der Anwesenden. Gastredner Prof. Dr. Martin Banse vom Thünen-Institut in Braunschweig sprach über „Turbulente Zeiten auf Agrarmärkten: Herausforderungen und Chancen für die Landwirtschaft in Deutschland.“ Banse ging auf die Dynamik des Agrarhandels ein, die Märkte seien stark volatil, insbesondere durch Entwicklungen außerhalb Europas. Die Landwirtschaft habe jedoch wiederholt bewiesen, mit solchen Schwankungen umgehen zu können. Am Beispiel von Getreide zeigte er, dass Märkte empfindlich reagieren, wenn die Lagerbestände im Verhältnis zum Verbrauch auf etwa 15 Prozent sinken. Auch die stark schwankenden Düngerpreise seien eng an die Energiepreise gekoppelt.
Mit Blick auf den Klimawandel verwies der aus dem Landkreis Uelzen stammende Experte darauf, dass seit 2016 weltweit wieder mehr Mangel- und Unterernährung zu verzeichnen sei, insbesondere in Asien und Afrika. Durch den Anstieg der Lebensmittelpreise habe sich dieser Anstieg noch beschleunigt. Ein erheblicher Teil der Produktivitätszuwächse werde durch klimatische Veränderungen aufgezehrt.
Dann ging Banse auf das Thema Freihandelsabkommen ein. „Der EU-Binnenmarkt ist das erfolgreichste regionale Handelsabkommen weltweit“, stellte er klar. Deutschland exportiere jährlich Waren im Wert von rund 900 Milliarden Euro in andere EU-Staaten. Zum Mercosur-Abkommen erläuterte Banse, dass es gesamtwirtschaftlich positiv zu bewerten sei. Er erklärte, dass vornehmlich Rohstoffe aus Südamerika in die EU kämen, während die EU vor allem verarbeitete Produkte exportiere. Banse erklärte, er sehe bei zwei wichtigen Punkten, die während der Verhandlungen für das Abkommen für große Unruhe gesorgt hatten, keine großen Verwerfungen. So werden weder die bei uns hohen Qualitätsstandards für Lebensmittel durch die Importe aufgeweicht, noch werde der europäische Markt mit Lebensmitteln überschwemmt werden, prognostizierte er. Für sensible Agrarprodukte wie etwa Rindfleisch oder auch Milchprodukte, seien Zollquoten und Schutzmechanismen vorgesehen.
Insgesamt habe das Mercosur-abkommen eine sehr hohe agrarpolitische Relevanz. Auch andere Abkommen, etwa mit Indien, Australien oder Neuseeland, wurden eingeordnet, diese seien aber beim Agrarhandel weniger relevant. Künftig werde man bei solchen Abkommen dazu übergehen, dass man den Agrarbereich stärker außen vorlassen werde, da der Bereich zu sensibel sei, schlussfolgerte er. Insgesamt sei die Exportstruktur Deutschlands im Agrarbereich aber sehr leistungsfähig und auf hochwertige Verarbeitung ausgerichtet. „Die Landwirtschaft ist relativ krisenfest.“ Politische Rahmenbedingungen und Lieferketten blieben jedoch herausfordernde Faktoren.
Diskussion und Schlusswort
In der Diskussion wurde an den Vortrag anschließend unter anderem die Frage nach der Aufnahmefähigkeit des EU-Marktes für ukrainische Exporte erörtert. Dies wurde von Professor Banse grundsätzlich bejaht. Direktzahlungen seien perspektivisch ein auslaufendes Instrument, blickte er voraus. Viele Produkte würden über dem Selbstversorgungsgrad produziert und „der letzte Euro wird ohnehin im Export verdient.“
In seinem Schlusswort brachte Eike Martens das Vorgetragene auf den Punkt: „Die Chancen sind für uns größer als die Risiken“, sagte er und fügte augenzwinkernd hinzu, „man kann ja auf Regen hoffen.“
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