„Der komplette Löwe ist ein Problem“ – packender Vortrag bei Uelzener Kreisversammlung

 
„Kommunikation ist Teil unseres Auftrages“, verdeutlichte der Präsident des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR) bei seinem überaus spannenden Vortrag während der Kreisversammlung des Bauernverbandes Nordostniedersachsen am 26. Februar in Uelzen. Und dass dieser Aufgabenbereich bei ihm in sehr guten Händen liegt, stellte Prof. Dr. Dr. Hensel im Laufe seines eineinhalb stündigen, durchaus humorvollen und spannenden Vortrags mit der Überschrift „Wissenschaftliche Fakten - alles nur noch ein Gefühl?“, immer wieder unter Beweis. Zu Beginn seines Vortrages stellte er sein Institut vor, das mit ca. 1100 Mitarbeitern seit Beginn der BSE-Krise in der 90er Jahren, jährlich 3500 bis 4500 Risikobewertungen für die unterschiedlichsten Bereiche vornimmt.

Das BfR ist eine politikberatende Behörde, die das Recht habe, vollkommen unabhängig zu kommunizieren. Die meisten Risikobewertungen hätten zum Ergebnis, dass kein Grund zur Panik bestünde, “das ist der Normalzustand der Wissenschaft“, so Hensel. Er erklärte den wichtigen Unterschied zwischen Gefahr und Risiko sehr plastisch: Ein Löwe hinter Gittern sei ein kalkulierbares Risiko, wenn sich das Gitter hebe, verändere sich die Lage und wenn er ohne Gitter dastehe einmal mehr: „Der komplette Löwe ist ein Problem“, schlussfolgerte Hensel.

Ähnlich verhalte es sich mit Gefahren, die etwa von Pflanzenschutzmittelrückständen in Lebensmitteln ausgingen und durch die Öffentlichkeit als fortlaufende, schleichende Vergiftung wahrgenommen würden. „Pflanzenschutzmittel sind der Antichrist“, erklärte der BfR-Präsident. Chemie, von Menschen gemacht und damit nicht natürlichen Ursprungs, sei von den meisten Menschen in Deutschland sehr negativ assoziiert. Er verwies auf die enorm hochentwickelten Nachweismethoden, mit denen man das berühmte Stück Würfelzucker im Bodensee nachweisen könne. „Wenn sie nur tief genug buddeln, finden sie immer etwas, das giftig ist“, so Hensel. Dafür gebe es aber Grenzwerte, die einen „Handelswert“ darstellen. Hier gelte dann: über Grenzwert bedeutet nicht zulässig - aber noch lange nicht giftig. Die Dosis macht das Gift. Darüber hinaus gebe es gute Gründe für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und auch Zusätzen in Lebensmitteln, wie etwa Konservierungsstoffen. Es müsste alles in Relation gesetzt werden.
Hensel skizzierte in seinem Vortrag eine komplizierte Gemengelage aus zwar vorhandenen Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen, die jedoch sehr unterschiedlich, von einer in vielerlei Hinsicht sehr satten Informationsgesellschaft interpretiert würden. Jedem stünden Informationen im Überfluss zur Verfügung. Die sozialen Medien wirken im Hinblick auf Informationsweitergabe wie eine Art Echokammer. Jeder, und auch die NGO`s, versuchen möglichst viel Aufmerksamkeit zu bekommen und die diversen Informationskanäle für ihre Interessen zu nutzen. Die Politik zerreibt sich zwischen den Fronten und der Verbraucher bleibt oftmals verunsichert zurück. „Bad news are good news!“

Auch soziologische Aspekte beleuchtete der BfR-Präsident in seinen Ausführungen. Demnach sei die Bevölkerung den Landwirten sehr zugetan - aber dem was sie tun, also der Landwirtschaft, nicht. „Es fehlt das gelungene Konstrukt in der Öffentlichkeit.“ Wie man diesen gordischen Knoten lösen könne, konnte auch Hensel nicht pauschal sagen, aber er empfahl: „Ein Landwirt der im Supermarkt steht und erklärt, warum er Pflanzenschutzmittlel einsetzt, dem wird geglaubt.“ Außerdem solle die Branche die sozialen Medien nicht vergessen, dieser Bereich sei trotz allem sehr wichtig. Am Ende hatte Professor Hensel noch eine positive Botschaft für alle: „Wissen wird sich am Ende immer durchsetzen!“
Dem Vortrag gingen verschiedene Tagesordnungspunkte in der Kreisversammlung voraus. BVNON-Vorsitzender Riggert begrüßte die insgesamt 124 Gäste. Die drei anwesenden Bundestagsabgeordneten Kirsten Lühmann (SPD), Henning Otte (CDU) und Armin-Paul Hampel (AfD) sowie der stellvertretende Landrat Jürgen-Peter Hallier, richteten zu Beginn ein Grußwort an die Versammlung.

Im anschließenden Bericht des Vorsitzenden ging Riggert auf die unterschiedlichen Themen ein, für die der Verband sich in letzter Zeit stark gemacht hat. „Auch regionale Themen gibt es noch“, so der BVNON-Vorsitzende. Darunter der Bau der A39, das Thema Natura 2000 u.v.m. Weiter überregionale Belange sind unter anderem die Düngeverordnung, zu der ein Normenkontrollverfahren angestrebt wird. Zum drohenden „Volksbegehren Artenvielfalt“, das in seinem Entwurf ein Enteignungsrecht für Naturschutz und Landschaftspflegeverbände vorsieht, warnte Riggert, „Wir bewegen uns mit großen Schritten Richtung real existierenden Sozialismus in der Landwirtschaft“. Mit Blick auf die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung wies der BVNON-Vorsitzende darauf hin, dass die erforderlichen „Änderungen des Braurechts“ immer noch nicht vorgenommen worden seien. Mit Blick auf das vergangene Jahr und die Entwicklung von „Land schafft Verbindung“ betonte Riggert, „wir dürfen uns nicht selbst zerlegen“, es sei wichtig, mit einer Stimme zu sprechen.

Wichtige Ehrungen

Dr. Conrad Welp, Geschäftsführer der Vzf GmBH wurde von Thorsten Riggert mit den Worten „Du hast ein breites Kreuz“ für seine besonderen Bemühungen um die Landwirtschaft geehrt. Er erhielt die silberne Ehrennadel des Landvolk Niedersachsens und der BVNON-Vorsitzende wünschte ihm, dass die Zukunft für ihn in ruhigeren Fahrwassern verläuft. „Welp`s Botschaft an die Landwirte war: „Sie müssen Pfeiler einschlagen, an denen die Politik nicht vorbeikommt.“ Für sein umfassendes Engagement im Bereich Öffentlichkeitsarbeit wurde Landwirt Friedrich Helmke aus Suhlendorf ebenfalls mit der silbernen Ehrennadel ausgezeichnet. Riggert lobte ihn und seine Frau Susanne, für die permanente Unterstützung, wenn es darum geht Landwirtschaft öffentlich zu vertreten: „Immer flexibel, immer hilfsbereit!“ Friedrich Helmke seinerseits dankte dem BVNON im Hinblick auf das Projekt „Landwirtschaft entdecken und erleben“ mit den Worten alles sei „immer sehr gut vorbereitet“ und ermunterte die anwesenden Bauern es ihm in Sachen Öffentlichkeitsarbeit gleichzutun: „Sie brauchen keine Angst zu haben.“

BVNON-Geschäftsführer Johannes Heuer, dankte dem gesamten Vorstand, und besonders dem Vorsitzenden, für das große Engagement. Heuer berichtete über die Aktivitäten des Bauernverbandes im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, aber auch dem gemeinsamen Projekt mit der SVO - „Blühstrom“. Er wies zudem auf die Mitwirkung des BVNON bei der Erarbeitung der niedersächsischen Ackerbaustrategie sowie das Engagement im Bereich der Feldberegnung einschließlich der Forderung nach einer GAK-Förderrichtlinie für Beregnung und Wassermanagement und die Aufnahme der Sektorensteuerung in das AFP-Programm hin. Im Hinblick auf die drohende ASP-Ausbreitung erklärte Heuer, dass der BVNON daran arbeite, „das entsprechende Programm dahingehend zu erweitern, dass auch genau beschrieben wird, wie der Zaun aufgebaut wird. Wir brauchen einen Plan in der Schublade für den Ernstfall.“
Gewählt wurde bei der Kreisversammlung in Uelzen ebenfalls. Zur Wahl zum Vorstand standen Thorsten Riggert und Lutz Meyer. Beide wurden einstimmig wiedergewählt und nahmen die Wahl an. Damit stehen Sie für weitere drei Jahre dem BVNON zur Verfügung.

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